Wider Matusseks Polemik

Letzte Woche war Kirchentag, und ja, ich war auch in Dresden. Seit ich wieder zu Hause bin, lese ich immer wieder in der Presse vom Gutmenschentum, der Weltferne, Naivität etc, die auf dem Kirchentag vorherrsche. Und immer wieder ist ein Name damit verbunden: Käßmann.

Matthias Matussek vom Boulevardmagazin SPIEGEL hat nun einen Artikel geschrieben, in dem er sich an Käßman abarbeitet, ihr Polemik vorwirft und ja: Weltfremdheit. Das Übliche halt.

Bei Licht betrachtet ist es aber auch nicht mehr als Polemik, er reißt Zitate aus dem Zusammenhang und verdreht die Dinge. Und wozu? Weil es so leicht ist und en vogue, auf Käßmann zu schimpfen, weil sie sich ideal als Feindbild eignet?

Ich stehe Käßmann ja durchaus auch kritisch gegenüber, doch finde ich sollte eine Kritik mindestens auf gleichem Niveau stattfinden. Das scheint mir bei Matussek nicht der Fall zu sein.

1. Vorwurf: Käßmann sagt, man solle mit den Taliban beten, statt sie zu bombardieren. So Matussek. Sieht man sich den Text der fraglichen Bibelarbeit Käßmanns an (da steht „es gilt das gesprochene Wort“, ich war anwesend nd kann bestätigen, daß es keine Diskrepanz zwischen der Rede nd dem Druck gibt), hört sich das Ganze schon wieder anders an:

Der damalige Wehrbeauftragte Reinhold Robbe, hat mir im vergangenen Jahr gesagt, ich
solle mich doch in ein Zelt setzen und mit den Taliban bei Kerzenlicht beten. Offen
gestanden finde ich, das ist eine wesentlich bessere Idee als die Bombardierung von
Tanklastwagen in Kunduz. Wir wissen doch, dass Frieden letzten Endes nur durch
mühselige, oft schmerzhafte und riskante Versöhnungsprozesse wachsen kann, in denen die
Opfer gehört werden und die Täter Schuld bekennen.

Es war also nicht Käßmann, die auf die Idee mit dem Beten kam, sondern Robbe. Käßmann sagte einzig, daß die Idee besser sei als den Tanklaster in Kunduz zu bombardieren. Daraus abzuleiten, daß Käßmann nun tatsächlich dazu aufriefe, alles im gemeinsamen Gebet mit den Taliban zu lösen, ist dumme Polemik.

Der Tanklastwagen führt mich zum 2. Vorwurf:

Margot Käßmanns indes setzte auf Demagogie. Sie glänzt mit frommem Augenaufschlag vor Tausenden. Sie führte aus, es sei besser zu beten, als Tanklastwagen zu bombardieren. Ach ja? Alles ist besser!

Jeder weiß doch mittlerweile, dass jenes tragische Bombardement ein Versehen war, und dass die Entscheidung dazu getroffen wurde, um einen größeren Anschlag zu verhindern. Käßmann aber behauptet implizit, die irrtümliche Bombardierung von Zivilisten sei in Wahrheit Absicht gewesen und in einer so hellsichtigen Weise getroffen worden, wie man es tut, wenn man sich zum Beten hinsetzt.

Das tragische Bombardement mag ein Versehen gewesen sein, liegt jedoch innerhalb der Logik der Gewalt im Krieg. Dagegen richtet sich Käßmann, nicht daß hier mit Absicht Leid erzeugt wurde. Denn begibt man sich erst einmal in die Logik der Gewalt, in den Krieg, dann ist das Leid schon Folge, egal wie man es dreht und wendet nd wie „sauber“ der Krieg auch geführt wird.

Matussek wendet sich der Frage nach dem gerechten Krieg zu, nachdem er feststellt, daß man sehr wohl für die Taliban beten und sie gleichzeitig bombardieren kann. Hier kann ich gerade noch so mitgehen mit seinem Gedanken. Ja, ich würde sogar soweit gehen, es als christliche Pflicht zu erachten für denjenigen zu beten, den man gerade tötet, wenn man denn schon so weit gekommen ist.

Doch Matussek gleitet ab in eine Pose des gerechten Racheengels:

Es gibt den bellum iustum, den gerechten Krieg. Seit dem heiligen Augustinus dürfen Christen Krieg führen, wenn er dem Frieden dient. Und das Gebet für die Feinde?

An jedem zweiten Sonntag beten auch wir Katholiken in den Fürbitten dafür, dass der Herr uneinsichtige Politiker auf den rechten Weg führe, damit sie für größere Gerechtigkeit sorgen mögen. Das heißt aber nicht, dass wir uns das Wählen schenken sollten. Ganz grundsätzlich: Ich kann für Stalin beten, dass er seine Fehler einsieht, und ihn trotzdem töten, wenn dadurch weitere Gulags verhindert werden. Ich kann für Hitler beten, und dafür, dass er seine Sünden bereut und von Untaten absieht.

Zu der Frage nach dem bellum iustum gibt es nicht nur bei Käßmann, sondern auch bei anderen protestantischen Pfarrern (in diesem Gespräch mit Renke Brahms und Martin Dutzmann, das auch sonst sehr interessant ist beispielsweise) durchaus die Meinung, daß es den gerade nicht gibt, weil Krieg immer schon bedeutet, daß man vorher schon auf ganzer Linie versagt hat und nur noch Schadensbegrenzung betreiben kann, die aber nie per se gerecht ist sondern schon innerhalb der Ungerechtigkeit stattfindet. Um den Frieden zu erhalten, muß vorher gehandelt werden, das wäre gerecht. Kriegerische Gewalt ist nur noch Einschränken der Ungerechtigkeit, kann sie aber nicht aus der Welt schaffen.

Konsequenterweise verkürzt Matussek auch Bonhoeffer geradezu grausam:

Darf ich Hitler trotzdem umbringen, falls er uneinsichtig bleibt? Darf ich das fünfte Gebot brechen, das Tötungsverbot? Der evangelische Märtyrer Dietrich Bonhoeffer hat sich inständig und tief mit diesem Problem auseinandergesetzt, und zwar nicht auf der schick ausgetrommelten Messias-Veranstaltung eines Kirchentages, sondern in der Nazihaft.

Zuerst ist anzumerken, daß Bonhoeffer schon vor seiner Haft im Widerstand war. Die Auseinandersetzung mit der Frage nach dem Tyrannenmord kam bei ihm also vorher. Aber das ist hier unwichtiges Detail (wenn es auch auf die Recherchequalität von Matussek schließen läßt).

Bonhoeffer kam zwar zu der Überzeugung, sich am Tyrannenmord zu beteiligen, aber auch Bonhoeffer war sich bewußt, daß er damit Schuld auf sich laden würde, es also keinesfalls eine gerechte Sache wäre, sondern lediglich eine Einschränkung der Ungerechtigkeit gegen andere, während er dabei Schuld auf sich lädt. Dieser Gedanke ist meiner Meinung nach wichtig. Es gibt hier keine generelle Rechtfertigng für ein gewaltsames Handeln. Also ach keinen bellum iustum.

Matussek kürzt dies ab, um Käßmann eins auszuwischen und sie als Demagogin des „Gutmenschentums“ darzustellen, und ist doch selbst demagogisch, denn Bonhoeffer kam eben nicht zum gleichen Ergebnis wie Augustinus und Thomas von Aquin:

Bonhoeffer ist zu dem gleichen Schluss gekommen wie vor ihm Augustinus oder Thomas von Aquin. Es gibt den gerechten Krieg, und es gibt die moralische Rechtfertigung des Tyrannenmordes.

Es gibt nie eine moralische Rechtfertigung dafür, einem Menschen das Leben zu nehmen, ihm Gewalt anzutun, weil Gewalt moralisch eben nicht Recht ist, osndern höchstens in bestimmten Sitationen geboten, um nicht noch mehr Unrecht aufkommen zu lassen.

Und darum geht es, so denke ich auch Käßmann: Auch wenn wir Soldaten nach Afghanistan schicken, so erreichen wir damit doch keinen Frieden. Den Frieden, den gerechten Frieden, erreichen wir mit ziviler Aufbauarbeit. Dem würde wohl auch ein de Mezière zustimmen. Und in Afghanistan läuft die Lage aus dem Ruder, weil scheinbar nicht genügend zivil aufgebaut wird, so jedenfalls verstehe ich Käßmann, wenn sie sagt: Nichts ist gut in Afghanistan.

Sie macht nicht aus den Soldaten kaltkütige Täter, wie Matussek in einem weiteren Vorwurf sagt, vielmehr macht sie aus dem Souverän Deutschlands, also uns allen, die wir den Bundestag gewählt haben, der dem Mandat zugestimmt hat, wirre Planer. Und ich finde, das kann man sich sagen lassen, wenn es stimmt.

Gab es nicht jahrelang überhaupt keine richtige Strategie zum zivilen Aufbau des Landes? Gibt es die jetzt? Wo und wie findet der zivile Aufbau statt? Wie erfolgreich ist er? Was könnte besser gehen? Wo hakt es? Darüber hört man nichts. Statt dessen: Fokussierung auf den militärischen Teil, auf die toten Soldaten, kontrollierte Gebiete. Was in den Gebieten, die kontrolliert werden, geschieht, hört man kaum. Abgesehen von einigen Meldungen über Drogenanbau.

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9 Antworten zu Wider Matusseks Polemik

  1. Christopher schreibt:

    Danke, schöner Artikel! Ich hoffe, er wird auch gelesen. Dass Bonhoeffer seine Beteiligung am Hitler-Attentat stets als große Schuld empfand, sich aber dennoch daran beteiligte, ist zentral in Bonhoeffers Biographie. Wie man daraus einen gerechten Krieg ableiten kann, ist mir völlig schleierhaft.

  2. ingo1971 schreibt:

    Natürlich kann ein Krieg der zur Verteidigung des Rechts dient gerechtfertigt sein.
    Und wie kann man von einem gerechten Frieden reden wenn andere in Kriegen noch abgeschlachtet werden. Welcher Logik folgt das denn? „Mir geht’s gut und das ist die Hauptsache“ ?
    Natürlich gab es “ keine richtige Strategie zum zivilen Aufbau des Landes“. Man wollte die Afghanen von den Tyrannen(Taliban) befreien und ihren eigenen Weg finden lassen. Es geht ja nicht darum eine Diktatur durch eine andere zu ersetzen.

  3. Ein Krieg kann immer nur dafür sorgen, daß Unrecht eingeschränkt wird. Durch Waffengewalt kann aber kein Recht geschaffen werden im positiven Sinn. Ein Panzer sorgt nicht für Frieden und Wohlstand, er kann im Idealfall lediglich einen Raum freimachen für Frieden förderndes Handeln, also zivilen Aufbau.
    Der gerechte Friede hat nichts mit „mir gehts gut und der Rest ist mir egal“ zu tun, sondern zielt eben genau dahin, wo der „gerechte“ Krieg nicht hinkommt: Das friedliche Zusammenleben der Konfliktparteien. „Von Tyrannen befreien“ ist sicher gut gedacht, aber vielleicht nicht das Beste wenn der eigene Weg, den sie finden sollen der ist, der straks wieder in die Tyrannei führt.
    Im Übrigen bin ich mit Käßmann auch nicht einer Meinung, daß es gar keine militärischen Eingriffe geben dürfe. In manchen Fällen scheint es mir, kommt man anders nirgends hin. Das bedeutet dann aber nicht, daß ein militärisches Eingreifen gerecht wäre und schldfrei zu haben wäre. Es kommt zu Toten, und das zeiht Schuld nach sich, wie man es auch immer dreht.

  4. PeterOinDO schreibt:

    Einen Krieg zu führen, um Unrecht einzuschränken oder dem Recht zu seinem Recht zu verhelfen, setzt zunächst einen allgemein gültigen Rechtsbegriff voraus. Recht ist aber keine Naturkonstante sondern eine kulturelle Errungenschaft. Deshalb unterscheidet sich das Recht unterschiedlicher Kulturen oft sehr stark. Unser abendlänisch – aufgeklärtes Rechtsverständnis wird von der afghanischen Stammeskultur nicht geteilt. Kann man daraus eine Begründung herleiten, unser Rechtssystem dort mit Gewalt einzuführen? Im Grunde geht es hier doch um etwas, was man früher „Umerziehung“ nannte. Tote kann man nicht umerziehen und die Lebenden werden durch Gewalt nicht davon zu überzeugen sein, dass unser Rechtsverständnis, gar unsere Kultur der ihrigen überlegen ist. Zumal von dem Rechtssystem der afghanischen Stammeskultur diejenigen, die dort die Macht haben, ebenso profitieren, wie unsere Machthaber von unserem System. Was bleibt, ist das Bohren dicker Bretter, der Versuch, Bildung in Länder wie Afghanistan zu bingen und die Hoffnung auf „Einsicht in weiten Teilen der Bevölkerung“. Der arabische Frühling rund ums östliche Mittelmeer deutet an, dass das gehen könnte.
    Und zu Käßmann: Die Frau nervt. Das ist mein subjektives Empfinden.

  5. knuuut schreibt:

    Danke für die Hintergrundinformationen. Habe lange aufgegeben den Mattusek in kirchlichen Dingen ernst zu nehmen. In der FAZ (die ich allerdings auch nicht lese) hieß es diese Woche er gleiche in seinem Kirchenbild einem „Antiquitäten Händler“. Wer „Kult“ und „Beichte“ als einzige kirchliche Handlungsfelder zulässt, für den ist alles andere Politik, die in der Kirche selbstverständlich nichts zu suchen hat.

  6. PeterOinDO schreibt:

    Kleine Ergänzung: Der Matussek nervt. Er und Käßmann haben bei allen Unterschieden etwas gemeinsam, was beide an die Öffentlichkeit treibt: Eitelkeit. Wobei mir Matusseks aufdringliche Art weit mehr auf die Nerven geht als Käßmanns Gutmenschentum.

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