Der Gott an der Hundeleine

Beim Nachtwächter hat vor ner Weile im Artikel Das unheilige Evangelium darauf hingewiesen, daß die Bibel Teil der Tradition des Christentums ist und nicht dieser gegenüber steht, womit er Recht hat, ohne daß ich jetzt zum Katholiken geworden wäre, aber mir geht es hier weniger um die Auseinandersetzung Schrift oder Tradition (die auch sehr interessant wäre), sondern mir geht es darum wie es in der Tradition des Christentums zu all den Greultaten: Scheiterhaufen, religiöse Verfolgung und Intoleranz gekommen ist.

Geschah dies wegen der Bibel, ist es gar in dieser angelegt, geschah es trotz der Bibel, hat diese vielleicht noch schlimmeres verhindert, oder hat es mit der Bibel gar nichts zu tun?

Ich denke, letzteres stimmt. Die Bibel, wie göttlich sie auch immer inspiriert sein mag ist erst einmal nur ein Buch. Ein totes Ding. Sie ist nicht Gott, sie ist nicht lebendig, sie agiert nicht zum Guten und nicht zum Schlechten. Es ist so ungefähr wie mit dem alten Spruch:

Nicht Waffen bringen Menschen um, Menschen bringen Menschen um.

Es kommt auf denjenigen an, der die Bibel benutzt, oder die Waffe, was er damit tut. Ich denke, angelegt kann alles und nichts sein in der Bibel, der ursprüngliche Autor eines Buches, bzw die Autoren und Redaktoren der Bibel mögen eine ursprüngliche Intention mit dem Text verfolgt haben, sei sie gut oder schlecht gewesen, aber der überzeugte Leser kann darüber blendend hinwegsehen und seine eigene Wahrheit darin finden, wie in jedem Buch.

Man muß sich nicht mal auf Bücher festlegen, es geht auch mit dem gesprochenen Wort. Wem wurde nicht einmal das Wort im Mund umgedreht? Wer hat es nicht erlebt, daß jemand, um in einem Diskussion oder sonstigen Auseinandersetzung dem anderen das Wort im Mund umdrehte, um einen Vorteil zu bekommen. Das Problem ist nicht ein totes Buch, das Problem ist ein lebender Mensch!

Und der HERR roch den lieblichen Geruch und sprach in seinem Herzen: Ich will hinfort nicht mehr die Erde verfluchen um der Menschen willen; denn das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf. Und ich will hinfort nicht mehr schlagen alles, was da lebt, wie ich getan habe.

So steht es in Gen 8,21, und wie man auch immer die Bibel bewerten mag, ich finde, da ist etwas dran: Der Mensch versucht von Jugend auf, seinen Vorteil zu suchen, wenn es nicht anders geht auch mit weniger oder gar keiner Rücksicht auf andere. Das ist entwicklungsbiologisch (oder wie man das nennt) auch einsehbar: Der, der sich durchsetzen kann, überlebt, der andere unter Umständen nicht.

So nutzt der Mensch, und nicht eine bestimmte Gruppe von Menschen, die Dinge, die er in die Finger bekommt, um sie zu seinem Vorteil zu nutzen. So auch die Bibel. So hat man in der römischen Kirche festgesetzt, daß die Bibel ein Produkt der Kirche ist (was ja stimmt, wenn man Kirche als Gemeinschft der Gläubigen versteht) und somit auch nicht über der Kirche steht, während bestimmt wurde, daß die Kirche eben von deren Oberen gelenkt werden, die somit auch die Autorität über die Bibel hatten. Schußendlich auch über das Seelenheil der Menschen, zumindest in deren Vorstellung, und das reicht zur Unterdrückung.

Dann kamen die Protestanten, entwerteten die Tradition, auf die sich die Bischöfe und Päpste beriefen in Bezug auf ihre Autorität und bestimmte, daß man sich nur noch an der Heiligen Schrift orientieren wollte, was auch heute noch in den evangelischen Kirchen gilt und von Evangelikalen und Fundamentalistern gern unreflektiert übernommen wird.

Die Bibel hatte also für die Protestanten eine Autorität, die über den Papst erhaben war, der ja nur Mensch war. Doch kamen bald die ersten Menschen, die auch das auszunutzen wußten. Man postulierte eine Verbalinspiration der Bibel, die Bibel ist unverfälschtes Wort Gottes, das ewig richtig ist und an das sich jeder halten muß, der nicht in der Hölle brennen will (inzwischen nicht mehr nur für ein paar Jahrtausende, sondern ewig, denn die Protestanten hatten das Fegefeuer abgeschafft). Durch diesen Kunstgriff der Verbalinspiration setzte man die Bibel mit Gott gleich (auch wenn es gegen das erste Gebot verstoßen sollte), was vielerlei Möglichkeiten eröffnete.

Der Mensch hatte nun die Bibel unter Kontrolle, er konnte sie an der Hundeleine spazieren führen oder in die Tasche stecken, je nach Gusto, und er konnte alles, was er wollte, mit ihr rechtfertigen, ob gut oder schlecht. Und da der Mensch schlecht ist…

Worauf ich eigentlich hinaus wollte: Es liegt nicht an der Bibel, und man kann, wenn man will und es durchzieht, auch gute Dinge mit der Bibel rechtfertigen, etwa wie die ganzen christlichen Hilfsorganisationen auf Haiti. Ja, ich weiß, auch Nichtchristen helfen, aber die begründen das ja nicht mit der Bibel, hätten diese Christen die Bibel nicht, würden sie vielleicht gar nichts machen.

Man kann auch andere Autoritäten so mißbrauchen. Im Islam gibt es die militanten Islamisten, die den Koran so auslegen, daß die Selbstmordattentate in Ordnung gehen, obwohl andere Muslime nicht müde werden zu betonen, daß Selbstmordanschläge unislamisch sind. Es gibt auch Muslime die gegen den Kopftuchzwang, Zwangsehen und was es sonst noch so an Vorwürfen gibt, argumentieren.

Auch im weltlichen Bereich gibt es das. Da werden bestimmte Ideen, die eigentlich gut waren pervertiert, um Macht zu demonstrieren oder Vorteile zu bekommen. So war Robbespierre zwar ein Gegner der Monarchie, aber den Rechtsstaat schien er auch nicht so ganz anzustreben. Oder Bush. Bei aller religiöser Propaganda ging es auch immer darum, Demokratie und Freiheit zu verteidigen. Eigentlich gute Dinge, aber wenn jemand ein Monopol auf die Freiheit hat (oder meint, dieses zu haben), dann kann er in deren Namen auch Kriege führen und stabile Diktaturen in instabile Pseudodemokratien verwandeln, genügend Militär vorausgesetzt.

Angelegt sind Unmenschlichkeit und Unterdrückung nicht in der Bibel, dem Koran oder sonstigen Büchern. Angelegt sind diese Dinge in den Menschen, die die Bibel, den Koran oder was auch immer auslegen, um ihren Vorteil zu ziehen.

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